Affenzirkus im Baudezernat Hannover

 

von Dr. Günter Haese   (05.11.2014)

 
 

Der Baudezernent der Stadt Hannover, Herr Uwe Bodemann, steht z.Zt. in einer sehr starken öffentlichen Kritik. In diesem Zusammenhang wird von der Presse gerne der Gartenheim-Geschäftsbericht aus dem Jahre 2012 zitiert, in dem ich vor 2 Jahren eine eher ungewöhnliche Realsatire publiziert habe, die von subjektiv empfundenen Missständen innerhalb einer Bauverwaltung handelt. Für diese Veröffentlichung bekam ich viel Zuspruch und Schulterklopfen, der Bericht zog große Kreise bis in die obersten Reihen der Stadtpolitik. Eine möglicherweise (nur) treffsichere Beobachtung hat sich mittlerweile zu einem öffentlichen Instrumentarium entwickelt, zu dem ich als Urheber dieser "flotten" Gedanken gerne noch ein paar Anmerkungen machen möchte.

 

Ein symptomatisch geeigneter Kritikpunkt an Herrn Bodemann lässt sich im HAZ-Artikel vom 4. November 2014 erkennen, wo er persönlich einem Bauherren die Empfehlung gegeben haben soll, den Architekten zu wechseln, um überhaupt eine Baugenehmigung zu bekommen. Man kann davon ausgehen, dass der Baudezernent diese Empfehlung häufiger ausgesprochen hat, denn selbst mir sind andere - persönlich vorgetragene - gleichlautende Fälle bekannt. Stilistisch wundert es mich auch nicht, sind doch Realität und Realsatire meist ein und dasselbe. Was zunächst wie plumpe Erpressung, offene Manipulation oder schlichtweg Nötigung ausgelegt werden könnte, ist im Kern schon fast wie ausgewachsene Korruption zu sehen. Allerdings fließt hier wahrscheinlich kein Schmiergeld oder wechseln auch keine versteckten Sachleistungen den Empfänger, sondern imaginäre Konten werden bebucht, die mit Überschriften versehen sind, wie z.B. "Macht", "Unterordnungsgelüste" und "sonstige Eitelkeiten". Wer einen solchen Stil pflegt und sich als Herr des lokalen Wohnungsbauuniversums ("Was hier gebaut wird, entscheide ich") aufschwingt, untergräbt letztendlich nicht nur die Glaubwürdigkeit der Stadtverwaltung, sondern auch den ganzen Markt, der von diesem Flaschenhals (doppeldeutig) abhängig ist.

 

Ein guter Manipulator muss natürlich neben einer überzeugend vorgetragenen Dreistigkeit noch etwas ganz anderes beherrschen, nämlich die hohe Kunst der schiefen Ebene. Gemeint ist das feine Gefühl, wen man im Sinne eigener Zwecke gegen jemand anderes so geschickt einsetzen kann, dass sich ein gewünschter Reinigungseffekt zur Machterhaltung quasi von selbst verstärkt und man als Urheber für den Rest der Welt schwer erkennbar bleibt. Hätte Machiavelli im 16. Jahrhundert in einer Bauverwaltung gearbeitet, hätte er wahrscheinlich auch das sogenannte "Ausschreibungsverfahren" als ultimatives Instrument der Zielerreichung entdeckt. Eine effiziente Ausschreibung benötigt folgende Zutaten: 1. Unternehmen, die gierig und bereit sind, alles mitzumachen. 2. Unternehmen, die bereit sind, ehrlich zu verlieren. 3. Architekten, die wissen, was man haben will und 4. Eine Jury, mit der man alles machen kann. Mittlerweile fällt (fast) jedem auf, dass trotz hoher Investitionen in der Hannoverschen Innenstadt die Gleichförmigkeit und die Tristesse stetig zunehmen und dass sich neue Baugebiete am Stadtrand immer mehr zu teuren, aber abgrundlangweiligen Kataloghaus-Farmen entwickeln. Natürlich sind es auch die Gesetze des Marktes, die zu dieser Entwicklung einen großen Teil beitragen, aber dieser Effekt entsteht auch in direkter Folge einer gewünschten Monokultur, die sich ganz konkret im Hannoverschen Bauamt lokalisieren lässt. Schaut man sich dort die vielen Entwürfe an den Wänden an, reflektiert man die vielen ausgestellten Wettbewerbsmodelle und die unzähligen rasterförmigen Bebauungspläne mit den immer wiederkehrenden, doofen geraden Basisstraßen, kann man das Zentrum dieser monopolistischen Keimzelle schnell identifizieren.

 

So ist es fast zwangsläufig, dass der Markt unter diesem Einfluss mit einer starken Asymmetrie reagiert. Da ist das eine traditionsreiche, äußerst erfolgreiche Familienunternehmen, welches im vorauseilenden Unterordnungsgehorsam im Grunde jeden "Scheiß" auch noch profitabel mitmacht und immer gut abschneidet, da tummeln sich andere erfolgreiche "Fleischfresser" im Revier herum, die mit Hilfe von "Norm-Architekten" auch die Randstücke restlos und sauber verwerten und da ärgern sich die blöden "Pflanzenfresser", wie z.B. auch Genossenschaften, dass sie mal wieder nichts abbekommen haben. Da die wichtigen, "anpassungsfähigen" Marktteilnehmer alle gut im Futter stehen, und die anderen (Verlierer) auch nicht sterben müssen und sich mit karger Nischenkost begnügen, fällt der Öffentlichkeit dieser Ver(bl)ödungseffekt nicht weiter auf. Falls dennoch jemand unpassend aufbegehrt, kann man ihn mit Hilfe einer etwas eng ausgelegten Bauordnung oder eines „Verfahrens“ relativ elegant an sich selbst scheitern lassen, nach dem Motto: "Tja, dumm gelaufen. Schade, aber vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Meine Tür steht immer offen" – d.h. es ist nie zu spät, zu Kreuze zu kriechen.

 

Im täglichen Umgang mit dem Bauamt fällt uns auf, dass die ganze Behörde stark polarisiert ist. Eine latente Angst ist vielfach spürbar, als illoyal bewertet zu werden, wenn man sagt, was man denkt oder man unpassende Sympathien zeigt. (siehe HAZ-Artikel) Da hält man sich lieber mit Bemerkungen zurück, was auch allzu verständlich ist. Insgesamt müssen wir allerdings fairerweise sagen, dass wir, was die Zusammenarbeit mit dem Bauamt angeht, generell zufrieden sind, so lange es um unsere täglichen Geschäfts- und Genehmigungsaufgaben auf der Sachbearbeiter- und Fachgruppenleiterebene geht. Selbst Anfragen, die intern bis zur Dezernentenebene vorgetragen wurden, sind aus unserer Sicht problemlos durchgelaufen.

 

Letztendlich geht es hier aber nicht um ein paar "nörgelnde" Investoren, denen irgendetwas nicht gut genug läuft. Es mag pathetisch und schwülstig klingen, aber es geht hier tatsächlich um Hannover und seine Bauidentität. Man sollte diesen Ansatz nicht zu gering bewerten. Fraglich ist allerdings auch, wieso sich bei einem so wichtigen Thema nicht schon längst z.B. die Architektenkammer wortstark gemeldet hat. Vielleicht unterscheidet sich der Hannoveraner durch seine lange Königshausprägung in seiner Gehorsamsbereitschaft doch erheblich von den Rheinländern. Die Revolution wurde hier in dieser Gegend offensichtlich nicht originär erfunden, eher murrt und mault man inoffiziell und arrangiert sich in der Vorderansicht mit den "Regierenden", um sich am Ende doch nicht allzu sehr "ins Knie zu schießen". Was man hier als intelligente Diplomatie zu interpretieren geneigt ist, nennt man in Bayern "keinen Arsch in der Hose haben". Aber letztendlich sind die Bayern auch nicht besser als die Hannoveraner, die Deftigkeit der Sprache suggeriert es manchmal nur ein wenig.

 

Allerdings rückt nun eine noch wichtigere Person in den Fokus der geschilderten Problematik, von der die Öffentlichkeit noch nicht weiß, welche genaue Haltung sie in dieser Angelegenheit annehmen wird. Gemeint ist unser neuer, sympathischer Oberbürgermeister Stefan Schostok, der schließlich als oberster Dienstherr der Verwaltung und Parteifunktionär selbst wiederum die entscheidenden Fäden in der Hand hält, die bei der in Kürze stattfindenden Wiederwahl des Baudezernenten eine finale Rolle spielen werden. Es könnte unbequem werden, eine Entscheidung zu treffen, die der Rot/Grünen-Regierungspartei möglicherweise in der Öffentlichkeit schaden könnte, es könnte aber auch für den Oberbürgermeister erhebliche Pluspunkte und Ansehen bringen, wenn er Führungskompetenz zeigt. Genauso gut könnte man den Fall "Bodemann" auch im Parteifilz verschwinden lassen und dann hoffen, dass in dieser erprobten Engmaschigkeit keiner mehr durchblickt, irgendwann wieder Ruhe einkehrt und sich die "Querulanten" mit kleinen Appetithäppchen oder Unterordnungsübungen besänftigen lassen. Herr Schostok könnte aber auch einfach nur eine notwendige Sach- und Personalentscheidung treffen. Der Baudezernent hat sich schon lange in der Branche deutlich positioniert, der Oberbürgermeister muss in diesem Zusammenhang wahrscheinlich hier seine erste wichtige "Nagelprobe" bestehen. Wollen wir mal hoffen, dass zum Schluss Hammer und Nagel nicht noch vertauscht werden.

 
 

HAZ-Artikel vom 4.11.2014 - Bauen mit Hindernissen