Über Flüchtlingskrisen und Geldkrisen

 

von Dr. Günter Haese   ( Auszug aus dem Geschäftsbericht 2015)

 
 

Es ist üblicherweise nicht Aufgabe eines Geschäftsberichtes, gesellschaftsphilosophische Fragen zu erörtern, aber die aktuelle Lage unserer Republik drängt gewisse Reflexionen auf insbesondere wenn, wie im vorliegenden Fall, der Anspruch einer halbwegs fundierten „Echtzeit-Bewertung“ von Chancen und Risiken verfolgt wird.

 
 

Flüchtlingskrise

 

Völkerwanderungen hat es schon immer gegeben, zumindest wird es uns so von der Geschichte gelehrt. Im Kern handelt es sich bei dem Phänomen der Völkerwanderung um ein Überlebensausweichmanöver bedrängter Populationen. Wenn man sich die tagtäglichen Bilder von Krieg, Zerstörung und Leid in den Gebieten des Nahen Ostens vor Augen führt, erschließt sich die Logik dieses Phänomens zwingend und einleuchtend. Was allerdings dem Wunsch, bzw. der Einsicht zu helfen auf natürliche Weise entgegensteht, ist die momentane Unbestimmtheit der Menge der Schutzsuchenden, die in unser Land strömen. Niemand weiß, welche Zahl die Richtige ist, ob die momentan sehnsüchtig herbeigehoffte, gefühlte Obergrenze noch weitaus elastischer ist, als man bisher glaubt oder ob wir in kurzer Zeit schlichtweg überrannt werden, die „kritische Masse“ bei der Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft weit überschritten wird und wir uns in naher Zukunft als „niedergetrampelte, ausgestorbene Nation“ im Geschichtsbuch wiederfinden werden. Im Übrigen ist es nicht Aufgabe der Geschichte, Mitleid zu zeigen. Wenn man sich nüchtern die demographische Situation Deutschlands und dazu entsprechend die Prognosen der Fluchtländer vergegenwärtigt, mag ein solcher Schluss weniger fatalistisch, sondern eher kühl kalkuliert erscheinen.

 

Noch vor wenigen Jahren brüllten wir vor Lachen über die Bemerkung eines Außenministers, der unsere Gesellschaftsentwicklung als „römisch dekadent“ bezeichnete, nun können andere eigentlich nur noch über unsere Gesellschaft lachen. Hier ist weniger die „überrannte“ Bevölkerung gemeint, die zwischen angeordneter Willkommenskultur und einem natürlichen, faschistoiden Reflex [1], zwischen „wir schaffen das“ und der Angst, „wie soll es weitergehen“ völlig zerrissen erscheint. Faktisch sind wir nach dem zweiten Weltkrieg immer noch ein „besetztes Land“, Spötter bezeichnen uns gerne auch als „Vasallen-Republik“ der USA. Wir sollten allerdings leise Töne anschlagen, wenn es um diese Erkenntnis geht, denn bezogen auf unser momentanes Wohlstandsniveau haben wir uns in diesem Zustand in den letzten Jahrzehnten prächtig entwickelt, vielleicht sogar zu prächtig. Diese Betrachtung soll lediglich dazu dienen, ein wenig Verständnis für unsere Politik zu wecken, die sich in der gefühlten Bevölkerungswahrnehmung irgendwo zwischen Kabarett und Kasperletheater, zwischen Unfähigkeit, Ignoranz und dressierter Feigheit wiederfindet. Wir sind kein „vollständig souveräner Staat“, sagte Finanzminister Schäuble 2011 in einem Interview [2]. Wir wirken in unserem Handeln, oder genauer gesagt in unserem Reagieren (und auch Regieren) in weiten Teilen wie fremdgesteuert. Ob es diese sogenannte „Fremdsteuerung“ mit uns gut meint, wissen wir momentan nicht, es sind allerdings auch Zweifel angesagt. Eine seit jeher bekannte Kriegstaktik besteht darin, Völkerwanderungen so zu beeinflussen, dass sich mit Hilfe gelenkter und gesteuerter „Impulse“ auch ein gewünschter, strategischer Nebeneffekt erzielen lässt. Man kann sich ein solches Vorgehen bildlich aus altbekannten „US Westernfilmen“ der 60er Jahre vorstellen, wenn irgendwelche „Manipulatoren“ eine große Herde in „Panik schießen“ und diese dann ganze Territorien einschließlich deren Grenzzäune in eine gewünschte Richtung einfach überrennt. Hierzu passend wird von sogenannten „Skeptikerkreisen“ gerne auf eine wissenschaftliche Studie der US Harvard University aus dem Jahre 2008 mit dem übersetzten Titel „Strategisch gestaltete Migration als Kriegswaffe“ [3] verwiesen, aber auch in den Feuilletons der FAZ [4] und im „seriösen“ Buchhandel [5] finden sich deutliche Hinweise.

 

Wir befinden uns gesellschaftlich in einer unübersichtlichen Gemengelage, die von einem Zustrom von Schutzsuchenden und Versorgungssuchenden, aus Notleidenden, Trittbrettfahrern und (zum kleinen Teil) aus Fanatisierten geprägt ist. Formal ist niemand mehr Flüchtling, der den Boden Europas, z.B. Griechenlands betreten hat, praktisch ist diese Feststellung natürlich völliger Unsinn, da der Migrantenstrom zum optimalen Lebensraum strebt, und der liegt nun mal nicht im Urlaubsland Griechenland. Auch die schöne Türkei wird aus Sicht der Migranten als eher ungemütlich empfunden. Nordafrikanische Diktatoren, die uns dieses Problem (sicher auch recht unappetitlich) bislang noch mit Geld und Waffen vom Halse hielten, wurden als nicht mehr opportun betrachtet und samt ihren Strukturen eliminiert. Der arabische Frühling hat aber nach fünf Jahren nicht nur insgesamt die Situation in den betroffenen Ländern verschlechtert, sondern auch unsere gleich mit. Gleiches gilt für die Ukraine, deren Bevölkerung zum großen Teil „sprichwörtlich“ ebenfalls die Koffer Richtung Westen gepackt hat.

 

Wir erleben ein Staatssystem, welches mit dieser Situation (verständlicherweise) nicht nur jetzt schon völlig überlastet ist, sondern ganz offensichtlich keinen effektiven Plan hat und vielleicht auch keinen haben kann, wenn sich der Zustrom weiter ungebremst vervielfältigt. Dass ein Staat und eine Gesellschaft auch an zu viel gut gemeinter Hilfsbereitschaft scheitern kann, erklärte Bundespräsident Gauck aktuell in einem Interview [6]. Die Realität ist wahrscheinlich schon weiter, als es der Bundespräsident zugibt. Streitbare Historiker [7] sagen uns voraus, dass „Deutschland, wie wir es kennen, verschwinden wird“. In dieser These ist natürlich noch jede Menge Gestaltungs- und Interpretationsspielraum enthalten, die Gesellschaft hat natürlich trotz des momentan weit verbreiteten Gefühls der Ohnmacht immer noch die Möglichkeit, positiv gestaltend in die sich unaufhaltsam verändernde Situation so einzugreifen, dass Deutschland immer noch ein lebens- und liebenswerter Standort bleiben wird. Genau darin wird auf längere Sicht der Schlüssel zum Erfolg liegen. Niemand stirbt freiwillig aus, vom gescheiterten Kriegsverlierer bis zum strahlenden Wirtschaftsgewinner („Made in Germany“) lagen auch nur wenige Jahre und niemand hat damit ernsthaft gerechnet. Die erfolgreiche „Fusion“ mit der damaligen DDR hat, wenn auch unter völlig anderen Randbedingungen, ebenfalls viele apokalyptische Vorhersagen gut überstanden.

 

In der Praxis der Wohnungswirtschaft ist die momentane Situation durch die anhaltenden Flüchtlingsströme allerdings noch sehr unübersichtlich. Düstere Wolken einer massiven Beeinflussung des „konventionellen“ Wohnungsbaues sind durchaus erkennbar, allerdings sind noch keine konkreten Einflüsse größeren Ausmaßes feststellbar. Dass demnächst eine große Wohnungsnachfrage durch eine hohe Zahl „neuer Marktteilnehmer“ und durch Bestandswanderungen der „Stammbevölkerung“ entstehen wird, ist auch für „Nichtpropheten“ zuverlässig vorhersehbar. Zum einen zieht nicht nur die „normale“ Bevölkerung immer häufiger vom Land wieder in die Stadt zurück, sondern auch Flüchtlinge werden sinnvollerweise in der Nähe von Städten oder bevorzugt direkt in Städten zunächst behelfsmäßig untergebracht, liegen doch hier alle Vorteile einer Versorgung und Integration auf der Hand. Wohl oder übel muss man die hohe Zahl zuströmender Menschen logistisch zunächst in „Lagern konzentrieren“ [8], dauerhaft wird sicherlich auch ein hoher Prozentsatz der in Deutschland verbleibenden Flüchtlinge in den klassischen Wohnungsbau „einwandern“ und dort für dementsprechende Wechselwirkungen sorgen. Wie schon bereits gesagt, unser „altbekanntes“ Deutschland wird sich unwiderruflich verändern, aber das sollte man jetzt auch nicht mehr so eng sehen. „Panta rhei“ – Alles fließt.

 

Konkrete Gefahren für die Wohnungswirtschaft gehen immer dann von Politikern aus, wenn sie mit dem Rücken an der Wand stehen und/oder sie sich als verantwortungsvolle Gutmenschen profilieren wollen. Ebenfalls sehr reflexartig ertönt bei vergleichbaren Situationen in unserer Branche immer wieder der Ruf nach Zwangsbesetzung, d.h. eine vorübergehende bis dauerhafte entschädigungslose Enteignung, bzw. der „freiwillige“ Zwang zur Wohnungsvermietung als Drohkulisse. Bislang wurde auch immer wieder regelmäßig von deutschen Gerichten diesem Verlangen eine deutliche Absage erteilt. Ob das auch weiterhin so bleibt, kann mit Bestimmtheit nicht gesagt werden. Ein nationaler Notstand rechtfertigt letztendlich jede Maßnahme. Schon jetzt wird einem renommierten Gutachten [9] zu Folge von der Bundeskanzlerin das Grundgesetz im Alleingang in loser Reihenfolge systematisch gebrochen, weil es die „moralischen Umstände“ aus Sicht einzelner Personen erforderlich machen. Soviel zu Theorie und Praxis unserer vielgelobten deutschen Rechtssicherheit. Eine de facto (vielleicht auch vorübergehende) bereits bestehende juristische Zweiklassengesellschaft dient, egal unter welchen Umständen, auch nicht gerade dazu, das Vertrauen der Bevölkerung und der Unternehmen in den Staat in dieser bedeutsamen Lage zu stärken. Der Zerfall Europas durch nicht mehr praktizierbare Außengrenzen und ein daraus folgender Rechtszerfall der Europäischen Union wird mittlerweile sogar vom EU-Parlamentspräsident Martin Schulz persönlich als eingehender Apell nach dem Motto „Es bleibt uns nur noch ganz wenig Zeit“ offen ausgesprochen [10]. Das System „Europa“ befindet sich offenbar im freien Fall, ob es aufschlägt, oder ob wir die Nase im letzten Moment noch mal hochkriegen, ist im Augenblick noch völlig offen.

 

Ein wichtiger Effekt soll an dieser Stelle angesprochen werden, der bislang von der Wohnungswirtschaft noch nicht systematisch erfasst wurde. Galt bislang bezogen auf den Wert einer Immobile der „eiserne“ Grundsatz der drei ewigen Erfolgskomponenten „Lage, Lage und nochmals die Lage“, befinden wir uns jetzt in einem kuriosen Zustand, dass genau die Immobilität als Standortnachteil zu sehen ist, wenn eine Flüchtlingsunterkunft, eine besetzte Turnhalle, ein eilig errichtetes Heim oder gar nur ein Zeltlager aus nationalen, bzw. kommunalen Notstandsmotiven in unmittelbarer Nähe errichtet wird. Der Berg kommt nun über Nacht zum Propheten, das hat es so in dieser breiten Form bislang in Deutschland noch nicht gegeben. Eine Isolation und Konzentration von Flüchtlingen in unbewohnte, wertneutrale Gegenden Deutschlands ist selbstverständlich keinen ernsthaften Gedanken wert, aber wenn wir „gute“ Menschen sein wollen, kommt es automatisch in Ballungsgebieten auch zu einer partiellen Wertminderung oder gar auch Wertzerstörung benachbarter Immobilien. Das kann jeden „Häuslebauer“ und jedes Wohnungsunternehmen mehr oder weniger stark treffen, ohne dass es hierzu eine substantielle Kompensation geben wird. Wohnungsunternehmen müssten im schlimmsten Fall den Weg einer bilanziellen Wertberichtigung gehen, was natürlich auch Auswirkungen auf das Rating und auf die Refinanzierung haben kann. Potentielle Gefahren lauern nun sprichwörtlich von hinten und von vorne.

 

Weitere bislang „utopische“ Szenarien sollen an dieser Stelle zumindest schon einmal vorsorglich erwähnt werden. Sollte erst einmal der große „Run“ auf die klassische Immobilienwirtschaft losgehen, wird man neuen Bevölkerungsgruppen gegenüberstehen, deren „Nutzungs- und Abnutzungsverhalten“ man in keiner Weise mehr abschätzen kann. Ein Großteil der vorhandenen Gebäudestrukturen dürfte im Detail nicht den Lebensgewohnheiten anderer Bevölkerungskreise entsprechen, wobei für die Aufrechterhaltung einer im Vergleich komplizierten Technik größere Erhaltungsaufwendungen einzurechnen sind. Klimatische und kulturelle Unterschiede lassen beispielsweise auch die Notwendigkeit eines hierzulande notwendigen, vorausschauenden Lüftungsverhaltens als eher unterpriorisiert vermuten. Eine Hausordnung in arabischer Sprache ist momentan noch sehr schwer vorstellbar und wenn, dann wahrscheinlich auch wenig zielführend. Die für uns vertraute gute alte deutsche Toilette ist in weiten Kreisen der restlichen Weltbevölkerung eher rätselhaft, unpraktisch bis unbrauchbar. [11] Umfangreiche Sanierungskonzepte bis hin zu der Installation einer „Universaltoilette“ für jedermann erfordern ggf. große Sanierungsaufwendungen, an die man bislang noch nicht gedacht hat. Im schlimmsten Falle könnte es bei einer zahlenmäßigen Explosion von einströmenden Menschen in unser Wohnungssystem zu einem eklatanten Kontrollverlust bisheriger Bewirtschaftungsmuster kommen. Die daraus entstehenden Schäden könnten z.B. von Versicherungen als, nennen wir es mal, „außergewöhnliche“ oder auch vielleicht als „kriegerische oder bürgerkriegsähnliche Ereignisse“ gewertet werden, für die es dann keinen Versicherungsschutz mehr geben wird.

 

Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es in jeder Krise auch Gewinner gibt. Gehörten zunächst Matratzen, Zelt- und Zaunhersteller zu den profitierenden Branchen, geht zwangsläufig der „Champagnerkelch“ an Teile der Wohnungswirtschaft weiter. Der eilige Bau von Wohnungen, die schnelle Bereitstellung von Unterkünften jedweder Art und die große Not der Kommunen lässt sich zwangsläufig nur mit neuen, ebenso eiligen wie teilweise undurchdachten „Fördermittelauswürfen“ bewerkstelligen. Die Erfahrung zeigt, dass sich hier in bestimmten Branchen „goldgräberartige“ Zustände einstellen, ist doch die schnelle Verarbeitung von verfügbaren Fördermitteln das Gebot der Stunde.

 

Eine Genossenschaft wie Gartenheim hat damit zunächst wenig zu tun. Wenngleich auch die oben geschilderten abstrakten Gefahren lauern, unternehmen wir keine spekulativen Aktionen, um an irgendwelchen (Mainstream-) Trends teilzunehmen, bzw. um irgendwelchen „vorgekauten“ Erwartungen hinterherzulaufen. Erwartungsgemäß wird nun auch von unseren politisch abhängigen Spitzenverbänden der Wohnungswirtschaft mehr Engagement beim Bau von neuen Wohnungen gefordert, wir werden uns diesbezüglich wie in den vergangenen Geschäftsberichten ausführlich dargelegt genauso konservativ wie früher verhalten.

 

Gartenheim bleibt bei der Strategie der hochwertigen Substanzerhaltung und Substanzverbesserung, wobei einzelne Dachgeschossaufstockungen und Nachverdichtungen selbstverständlich in unserem Aktionsplan enthalten sind.

  
 

Geldkrise

 

Überlegungen zu unserem Finanzsystem sind seit dem Jahre 2008 ein ewiger Dauerbrenner der Analyse unseres Geschäftsberichtes. Die kollektive Erkenntnis, dass es sich bei unserem Währungssystem um eine hefeteigartige Erscheinung handeln muss, wobei Größe und Inhalt in einem sehr luftigen Verhältnis zueinanderstehen, kann als allgemein gesichert betrachtet werden. Analog zum Geschilderten sind die beliebten Hefeprodukte unseres täglichen Lebens auch am appetitlichsten, wenn Sie am größten sind, wobei man in diesem Zustand regelmäßig verdrängt, dass diese auch wieder zusammenfallen können (und werden). Es ist so wie immer, die meisten Menschen wollen sich eben den Appetit nicht verderben lassen und genießen einfach nur das, was sie vor sich sehen. Warnsignale sind für die breite Masse eher langweilig und werden gern als lästige Spaßunterbrechung irgendwelcher Schwarzmaler gesehen. Im Falle von Währungssystemen kommt noch erschwerend hinzu, dass die meisten Menschen nur glauben zu wissen, wie es funktioniert, im Kern aber wegen der hohen Komplexität und Abstraktion völlig ahnungslos sind. Die tagtägliche Projektionsebene von Geld und Bankkonto für das Normalpublikum läuft weitgehend abgekoppelt von den dahinterliegenden Mechanismen, die die Charakteristik des Ganzen bestimmen.

 

Aktuell möchten wir hierzu auf einige Warnsignale der letzten Zeit eingehen. Seit einigen Wochen verschicken alle Banken Deutschlands an ihre Kunden sogenannte „Informationsbögen für Einleger“. In diesen wird der Kunde in kleingedruckter Schrift informiert, dass die Spareinlagen durch den „Einlagensicherungsfond des Bundesverbandes deutscher Banken“ geschützt sind, allerdings, wenn man weiterliest, nur bis zu einer Obergrenze von 100.000 € pro Kunde und Bank. Nun mag man diese Schreiben als reine Formalie betrachten, man könnte aber auch bei einer gewissen Wachsamkeit dazu neigen, in diesem Manöver eine systematische Vorbereitung zur Absicherung der Haftungsbegrenzung vor einem möglichen Zusammenbruch zu sehen. „Die Spareinlagen sind sicher“, dieser vollmundige Satz aus der Politik tönt noch in unseren Ohren. Nun hat nicht jeder das Glück, über ein solches Vermögen zu verfügen, aber die gewählte Sicherungsgrenze soll ganz offensichtlich die breite Masse ruhigstellen, damit im Falle von Schwierigkeiten das „Wahlvolk“ nicht noch „mauliger“ wird. Personen mit größeren Einkommen kann man so problemloser „entreichern“, bzw. sie individueller zur Kompensation struktureller Probleme überproportional heranziehen. Man mag dies für gerecht halten oder auch nicht, die Vermögen der Deutschen sind beim Verlassen der jetzigen Schönwetterzone de facto weitgehend ungeschützt. Als Ergänzung sei angemerkt, dass es sich bei dem oben genannten „Bankenverband“ um einen eingetragenen Verein handelt. Die „Entschädigungseinrichtung deutscher Banken“ firmiert hingegen als eine GmbH. Ein Schelm wer Böses denkt, aber ein solches Konstrukt ist in Krisenzeiten nicht ansatzweise in der Lage, das zu halten was es verspricht.

 

In diesen Tagen wird viel über die sogenannten „500-Euro-Scheine“ berichtet. Eine publikumswirksame Scheindebatte über Kriminelle und Schwarzgeldbesitzer ist wahrscheinlich nur ein weiterer konsequenter Schritt in Richtung kompletter Bargeldabschaffung. Momentan sind rund 300 Milliarden Euro in der genannten Notation im Umlauf [12], durch die massive öffentliche Stigmatisierung eines „bedruckten, legalen Papierscheines“ kann man davon ausgehen, dass ein Teil dieser Vermögen nicht mehr auftauchen und damit wertlos wird. Eine weitere (legale) Methode des Bankensystems zur flächendeckenden Entreicherung besteht in der Erhebung eines Negativzinses auf Spar- und Sichtgeldeinlagen [13]. Was bislang im Einzelfalle nur für große institutionelle Anleger zutraf, könnte bald der Normalfall für jeden „Durchschnittssparer“ werden. Die Gefahr, dass denkende Teile der Bevölkerung mit ihren Konten auf größere Bargeldmengen ausweichen und somit ihren Nominalwert unbestimmte Zeit außerhalb des „Entreicherungssystems“ parken würden, ist einfach zu groß. Also schafft man diese Möglichkeit prophylaktisch ab, bevor sie im großen Stil genutzt wird. In Zeiten flächendeckender Kontrollmöglichkeiten ist mit der Abschaffung des Bargeldes so ziemlich der letzte Schritt in Richtung eines „gläsernen“ Bürgers vollzogen. Man mag so naiv sein, die Freiheit des einzelnen Bürgers in Zeiten großer Veränderungen als untergeordnetes Gut zu betrachten, im Ergebnis bedeutet der Verlust der persönlichen Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten aber auch eine Aufgabe von Individualität und Unabhängigkeit. Wem das allerdings schon jetzt egal ist, der hat auch später nichts mehr zu verlieren.

 

Die oben geführte Diskussion betrifft die Genossenschaft nur insofern, dass temporäre Geldvermögen über 100.000 € ebenfalls (theoretisch) bedroht sind. Evtl. gibt es für Unternehmen eine Sonderregelung, z.B. eine Grenze von 500.000 € [14], was aber nichts am grundsätzlichen Risiko mit all seinen Folgen ändert.

 
 
 
 

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verwendete Zitate

 

[1] Bevor sich nun Gutmenschleser aufregen, hierzu folgende Erläuterung. Lebende Organismen verfügen über Abwehrmechanismen, ohne die Sie letztendlich nicht leben und überleben können. Diese Abwehrmechanismen schützen uns soweit es geht abstrakt und konkret vor Fremd- und vor Selbstzerstörung und laufen daher weitgehend autonom ab. Die Bewusstmachung eines solchen Mechanismus bezeichnen wir als Reflex, im konkreten Fall kann man sogar von einem faschistoiden Reflex sprechen, weil in unseren Erbanlagen die Besitzstandswahrung durch Ausgrenzung als Ultima Ratio durchaus eine gewisse Existenzberechtigung hat. Faschistoides Verhalten lässt sich bei allen Völkern dieser Erde beobachten und ist vielleicht ein notwendiges, auf jeden Fall aber ein hässliches, wenn auch kein typisch deutsches Phänomen.

 

[2] Rede von Wolfgang Schäuble auf dem Frankfurter European Banking Congress am 21.11.2011 - https://www.youtube.com/watch?v=Ab1lyuTyu0U

 

[3] Greenhill, Kelly M. "Strategic Engineered Migration as a Weapon of War." Civil Wars 10, no. 1 (March 2008): 6-21., - http://belfercenter.ksg.harvard.edu/publication/18120/strategic_engineered_migration_as_a_weapon_of_war.html

 

[4] FAZ vom 22.03.2011, Migration und Erpressung - Die neue Superwaffe, von Gregor Schöllgen

 

[5] Kelly M. Greenhill: Weapons of Mass Migration. Forced Displacement, Coercion, and Foreign Policy. Cornell University Press, Ithaca/London 2010 – Anm.: Das Buch kann man bequem bei Amazon.de bestellen und ist sowohl im englischen Original als auch in deutscher Übersetzung verfügbar.

 

[6] Radiointerview mit Joachim Gauck in WDR5 am 6.2.2016

 

[7] Jörg Baberowski in einem Huffington Post Interview vom 7.12.2015

 

[8] Wie schnell in der deutschen Sprache etwas schiefgehen kann, zeigt diese kleine etwas boshafte, aber sprachterminologisch korrekte Wortanspielung. Egal wie schlau man in dieser Situation etwas formuliert, entweder man trifft daneben oder man hat etwas ohne Inhalt gesagt. Politische Korrektheit kann auch zur Denk-Paranoia werden und behindert so die Möglichkeit des unvorbelasteten Weiterdenkens.

 

[9] Die Rede ist von einem vielbeachteten Gutachten aus Januar 2016 des renommierten ehemaligen Verfassungsrichters Udo di Fabio um Auftrag der bayrischen Landesregierung.

 

[10] Homepage von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz vom Januar 2016 - http://www.martin-schulz.eu/aktuelles/2016/01/16/interview-martin-schulz-zum-zustand-europas-%E2%80%9Edem-zerfall-nicht-zuschauen%E2%80%9C/