Ein Loblied auf Rost

Die Industrie gibt jedes Jahr Milliarden aus, um ihn zu verhindern, den „Karies“ des Eisens – Rost.

Einleitung

Lackieren, Anstreichen, Pulverbeschichten, Verchromen, Vernickeln und vieles mehr, was ist nicht schon alles erfunden worden, um dem Phänomen Rost, also dem natürlichen Oxydationsprozess von Eisen in Verbindung mit Wasser, etwas entgegenzusetzen? Chemisch gesehen hat Rost die Formel FeO2, was man auch Eisendioxid nennt. Künstlerisch gesehen hat Rost jedoch noch Einiges mehr zu bieten, als nur ein schlechtes Image.

Es gibt Dinge, die haben in einer anständigen Welt nichts zu suchen. So wie es gängige Mittel gegen Unkräuter und Moose gibt, wie z.B. Gifte, Flammen, Bürsten und Hochdruckreiniger, versagen diese tradierten Hausrezepte bei der Bekämpfung von Rost völlig. Selbst regelmäßiges Putzen und Polieren führt als Strategie der Rostvermeidung nicht zum Ziel, lediglich regelmäßiges Einfetten kann die Lebensdauer eisenhaltiger technischer Bauteile verzögern. Seit der Entdeckung des schmelz- und schmiedbaren Metalls Eisen durch den Menschen dreht sich alles nicht nur um dessen Verarbeitung und Verwendung, sondern auch um seine Haltbarmachung. Wenn man dem Grundelement Eisen in der Schmelze etwas hinzumischt, z.B. Kohle, lässt sich die Härte beeinflussen, man denke an den Hammer, der stets härter als der Nagel sein sollte. Sogenannte Legierungen, also Rezepturen von Zugaben, standen schon immer im Zentrum der Entwicklung, die Eigenschaften des Elementes Eisen für einen technisch vorgesehenen Zweck zu optimieren, wie z.B. Zugfestigkeit, Härte, Elastizität, Verschleißfestigkeit und vieles mehr. In puncto Rost gelang es zu Beginn des letzten Jahrhunderts in vielen Stahlschmelzen dieser Welt durch die Zugabe von Chrom und Nickel die natürliche  Korrosionsneigung von Eisen erheblich zu verzögern. In den Laboren der Friedrich Krupp AG in Essen entstand 1912 in einer zweiten Versuchsreihe mit „austenitischen“ Stählen der sogenannte V2A-Stahl, den man umgangssprachlich bei uns besser als Edelstahl kennt. Im englischen Sprachgebrauch hat sich der Begriff „stainless steel“ etabliert, was direkt übersetzt „rostarmer Stahl“ bedeutet und keineswegs „rostfrei“ heißt. Erst mit der Zugabe von Molybdän entstand ein Stahl, den man sich im wahrsten Sinne des Wortes in den Mund stecken kann, man denke an unser tägliches Besteck aus sogenanntem 18/10 Stahl, den man auch unter Produktnamen wie Cromargan, Nirosta oder Inox kennt. Diese kleine geschichtliche Betrachtung soll verdeutlichen, dass man dem Thema Rost eine technische Lösung entgegensetzen kann, diese aber in Bezug auf Glanz und Qualität eher ein Gefühl von Sauberkeit und Reinlichkeit verbreitet, weniger aber von Stimmung, Atmosphäre und natürlicher Anmutung.

Doch zurück zum Rost. Getrieben von der Verarbeitung großer Materialmengen im Bereich Anlagen- und Schiffbau suchte man nach Lösungen eines „preiswerteren“ Rostschutzes, denn Chrom, Nickel und Molybdän sind kostbare und teure Rohstoffe. Durch eine Legierungsvariante mit Phosphor und Kupfer entstand eine Stahlsorte, unter dessen eigentlicher Rost-Oberfläche eine weitere Sperrschicht aus festhaftenden Sulfaten und Phosphaten entsteht, die somit den Stahlkern dauerhaft vor weiterer Korrosion schützt. Man könnte hier auch von „Edelrost“ sprechen, der nicht nur technisch extrem nützlich für den Stahl ist, sondern auch noch extrem gut aussieht. Diesen Stahl nennt man COR-TEN-Stahl, oder auch Kortenstahl, wobei dieser auch als wetterfester Baustahl bezeichnet wird. Dieser „Roststahl“ gilt traditionell gerade bei Architekten wegen seiner besonderen Ästhetik als Gestaltungsmaterial erster Wahl und Güte.

Die Qualität von Rost ist aber nicht unumstritten. Beim oben zitierten „Abfackeln und Wegätzen“ von Unkräutern und Moosen entgehen dem Normalbürger auch so einige nützliche Heilpflanzen und Naturwirkstoffe, die er in seiner Beseitigungsweltanschauung nicht sieht oder sehen will. Wer Rost als Mangel oder Fehler begreift, tut sich meist auch sehr schwer, der Ästhetik von COR-TEN-Stahl zu folgen. Schlichte Gemüter stören sich in erster Linie ausschließlich an gefühlten Flecken und Schäden bei ihren angelehnten Zweirädern, wenn sie z.B. mit unseren „rostigen“ Fahrradständern konfrontiert werden. Objektiv gesehen ist das so gut wie Quatsch, psychologisch gesehen wird diese Sichtweise schnell zu einer Zwangsbetrachtung, die einen Grenzübergang in ein sinnliches Erlebnis meist nicht zulässt. Wir würden mal sagen, Pech gehabt.

Was unterscheidet nun diesen „edlen“ Rost von einer Lackierung, die ungefähr die gleiche Farbe hat, nicht rostet und keine Flecken hinterlassen kann? Genau das ist der Punkt, der COR-TEN-Stahl so einzigartig macht. Rost ist in Bezug auf seine Optik keine Farbe, sondern genauer genommen ein Farbgemisch, bzw. ein Farbspektrum. Rost besitzt eine natürliche, ungleichmäßige Farbverteilung, denn es wächst gewissermaßen zufällig und unterschiedlich. Dadurch erhält Rost eine Farbwirkung, die vom menschlichen Auge mit einer speziellen Tiefe und Brillanz wahrgenommen wird, wie es eine monochrome, synthetische Farbe niemals könnte. Dieser Effekt der Mehr- und Vielschichtigkeit, was man hier auch sogar wörtlich nehmen kann, tritt besonders bei Sonnenschein hervor. COR-TEN-Stahl sieht bei Regen dunkler aus und „blüht“ regelrecht auf, wenn er wieder in die Trocknungsphase gerät. Dieses Spiel der Wetterwechselwirkung lässt sich unbegrenzt wiederholen, wobei sich dieser Roststahl auch über die Zeit verändert. Er bekommt erst nach einer gewissen Zeit und Bewitterungshistorie seine spezifische, individuelle „Knorrigkeit und Kernigkeit“, eine charakteristische Patina, wie man sie nur von alten Bäumen oder gebrauchtem Leder her kennt. Rost wird somit als „totes Material“ irgendwie wieder lebendig und erzählt seine Geschichte, Rost altert in Würde und trotzt dennoch jedem Sturm und jedem Regen. Je mehr er sich der Witterung widersetzen musste, desto mehr sieht man es ihm an. Gereifter, gewachsener Rost gibt uns ein Gefühl von Erdigkeit und Ehrlichkeit über die Haltbarkeit und den Zerfall dieser Welt.

Man kann die gleichmäßige Oxydation von COR-TEN-Stahl mit chemischen Mitteln so beeinflussen, dass man schnell und zuverlässig ein gleichmäßiges „Rostergebnis“ bekommt. Das mag für die industrielle Produktion beispielsweise von gebräuchlichen Dekorationsgegenständen für den Gartenbereich vorteilhaft sein, weil der Kunde beim Kauf seiner „Rostvase“ das Ergebnis gleich mit kaufen will. Der spezielle unnachahmliche Charakter von Rost, der immer unterschiedlich und unvorhergesehen ausfällt, entsteht unserer Auffassung nach aber erst dann, wenn man dem Material eines gibt, was ganz entscheidend ist, nämlich viel Zeit. Den perfekten Rost kann man nicht abkürzen, er entsteht alleine nur durch Geduld. Das gefällt uns ganz besonders.