Auffallend anders

Günter Haese - ein Künstler zwischen Understatement und Weltruhm

von Dr. Vanessa Erstmann

Er selbst bezeichnete sich als „Grenzfall“, die internationale Kunstszene feierte den zurückgezogen lebenden Künstler als ein „Phänomen“. Wie kein anderer leistete sich Prof. Günter Haese (1924-2016) den Luxus, seine ganz eigenen Ausdrucksformen zu leben, während die Welt außerhalb seines Ateliers für ihn nahezu unbedeutend blieb. Noch im hohen Alter schuf der Künstler schwerelos wirkende Kunstwerke aus Kugeln und Spiralen, mit denen er ab den frühen 1960er Jahren internationalen Ruhm erlangte. Bis heute üben die aus filigranem Draht gefertigten Raumplastiken des norddeutschen Ausnahmekünstlers ihre Faszination auf die Betrachter aus. Knapp 100 Jahre nach seiner Geburt ist eine Auswahl des künstlerischen Nachlasses in einer Wanderausstellung zu sehen.

Die Liste der Ausstellungen und Ehrungen Prof. Günter Haeses ist lang und beachtlich – dies mag umso mehr erstaunen, wenn man bedenkt, dass der 1924 in Kiel geborene Künstler kaum in die Öffentlichkeit trat und das bescheidene Leben eines Einzelgängers führte. Bis an sein Lebensende sollte Haese „auffallend anders“ bleiben und damit eine besondere Faszination auf all jene ausüben, die sich mit seiner Person und Kunst beschäftigen.

Trotz aller Zurückgezogenheit gelang Prof. Günter Haese das, was nur wenigen Talenten vergönnt ist: Bereits die erste Einzelausstellung 1964 im Ulmer Museum katapultierte den Bildhauer in die „Champions League des Kunstbetriebs“, wie Georg Elben, Leiter des Marler Skulpturenmuseums, erst kürzlich feststellte.

Auf die erste Einzelausstellung im Jahr 1964 folgte direkt im Anschluss eine Einzelstellung im Museum of Modern Art (MoMA) in New York und die Einladung zur documenta III in Kassel. Zwei Jahre später, im Jahr 1966, nahm Haese an der Biennale in Venedig teil, wo er als große Entdeckung gehandelt wurde und den Preis der David E. Bright Foundation erhielt. Der Direktor des Sprengel Museums Hannover, Dr. Reinhard Spieler, spricht retrospektiv von einer „raketenhaft vollzogenen Künstlerkarriere“. Immerhin war Günter Haese der erste deutsche Künstler, der zu Lebzeiten eine Einzelausstellung im MoMA erhielt, was bereits im Jahr 1964 einem Ritterschlag gleichkam.

Ob in Venedig, New York oder London – was die Werke Haeses von den anderen dort präsentierten Arbeiten unterschied, war deren Andersartigkeit: Haeses Kunst betrat einen Bereich zwischen Plastik und Graphik. Er selbst bezeichnete seine grazilen und zart schwingenden Drahtgeflechte als „räumliche Graphiken“. Bedeutende Zeitgenossen und Kunstexperten zeigten sich beeindruckt von dem einnehmenden Rhythmus der auf viele geradezu poetisch anmutenden Metallobjekte. Eine Gruppe bekannter amerikanischer Künstler versuchte sogar, mit Hilfe einer Petition den Abbau der Einzelausstellung im MoMA zu verhindern, da sie deren Meinung nach „so schön sei, dass sie niemals enden dürfe“. Die amerikanische Unternehmer-Familie Rockefeller hätte die gesamte Ausstellung am liebsten käuflich erworben, was Günter Haese und seine Frau jedoch entschieden ablehnten. Nicht wenige versuchten, die begehrten Kunstwerke des deutschen Bildhauers zu erwerben und stießen dabei auf unerwarteten Widerstand. Als der englische Bildhauer Henry Moore Mitte der 1970er Jahre seinem Künstlerkollegen Günter Haese einen Besuch in dessen Düsseldorfer Atelier abstattete, bemühte er sich erfolglos darum, ein eigenes Werk gegen ein Kunstwerk Haeses zu tauschen. Günter Haese trennte sich nur ungern von seinen Werken und lehnte im Laufe seines langen Lebens wiederholt lukrative Angebote wie dasjenige der international tätigen Galerie Marlborough ab, da es ihm wichtiger war, seine Unabhängigkeit zu bewahren.

Museum of Modern Art - New York 1964
https://www.moma.org/calendar/exhibitions/3457

Ein Künstler im langen Landeanflug

Günter Haese blieb zeit seines Lebens ein „Mann des Understatements“, der sich wenig aus der eigenen künstlerischen Karriere machte und es zutiefst ablehnte, sich selbst in seiner Kunst zu produzieren. Stattdessen arbeitete er täglich zehn bis zwölf Stunden in seinem bescheiden eingerichteten Düsseldorfer Atelier, wo er laut Aussagen seiner Weggefährten „…in sich und seine Arbeit versponnen, abgekapselt von der Welt, wie in einer Muschel lebend“, ganz in seiner Kunst aufging.

Wichtig war allein sein Werk – und dass sich sein Leben einmal ganz um die Kunst drehen würde, wurde dem 1924 in Kiel geborenen Künstler schon früh bewusst. Bereits während seiner Schulzeit bildete sich seine Passion für die Kunst heraus. Nach dem Schulabschluss erlernte Günter Haese zunächst das Handwerk des Dekorationsmalers. Der Zweite Weltkrieg und die Einberufung Haeses in den letzten drei Kriegsjahren unterbrach die künstlerische Laufbahn und die erste Annäherung an die Kunst erfolgte notgedrungen autodidaktisch. Ende der 1940er Jahre meldete sich Günter Haese an einer privaten Kunstschule in der kleinen norddeutschen Kreisstadt Plön an. Im Jahr 1950 begann er schließlich ein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er zunächst bei Bruno Goller und schließlich (zusammen mit Joseph Beuys) bei Ewald Mataré studierte, dessen Meisterschüler er wurde.

Sein künstlerischerer Weg führte Haese von der Malerei über die Graphik zur Plastik. Erst im Jahr 1962, als er zufällig eine Schwarzwälder Kuckucksuhr in die Hände bekam und diese auseinandernahm, formte sich sein spezifischer Stil allmählich heraus. In den Spiralfedern, Schrauben, Federn, Metallplättchen und Zahnrädchen alter Uhren und Wecker entdeckte er das passende „Baumaterial“ für seine Werke. Nach und nach traten die Einzelteile der Uhren in den Hintergrund und der biegsame Messingdraht, aus dem Haese offene Gehäuse schuf, in den Vordergrund. Doch nicht das Material, sondern die daraus entstandenen Konstruktionen, die im Zuge der Arbeit mit dem Material Gestalt annahmen, standen fortan im Mittelpunkt seines Schaffens und wurden zu seinem Markenzeichen. Im Alter von knapp 40 Jahren hatte Günter Haese sein Ausdrucksmittel und seine künstlerische Sprache gefunden, was ihm schließlich den Durchbruch verschaffen sollte.

Die Ideen für seine Werke kamen intuitiv, der Ruhm unerwartet. Durch den internationalen Erfolg wuchs auch in der Heimat das Interesse an den Raumplastiken Haeses. Es folgten Ausstellungen im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum, im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und in der Kieler Kunsthalle. Haese wurde mit dem Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet und bekam im Alter von 70 Jahren vom Land Schleswig-Holstein den Professorentitel für seine „hervorragenden Leistungen im kulturell-künstlerischen Bereich“ verliehen.

Der Künstler selbst blieb bei aller Aufmerksamkeit bescheiden: „Ich wurde hochgeschossen und musste zusehen, den Landeanflug beibehalten zu können, denn alles, was hochgeschossen wird, kommt auch wieder zurück“, erklärte der Künstler fünfzig Jahre nach seiner Entdeckung. Günter Haese ging in einen sicheren Gleitflug durch die Kunstwelt über und schuf bis zu seinem Lebensende zahlreiche filigrane Draht-Konstruktionen in seiner Werkstatt im Düsseldorfer Künstler- und Atelier-Haus.

Werk „Phönix II“ bei Nacht - Vergrößerung des Originals 10:1, Durchmesser 3 m, Standort Hildesheimer Str. 142, Hannover

Eine Idee von Ingenieurskunst

Dr. Reinhard Spieler begründet den großen künstlerischen Erfolg, der sich ab Mitte der 1960er Jahre auch in Günter Haeses Heimat Bahn brach, mit dem damaligen Zeitgeist. Vor allem in Deutschland habe ein bescheidenes Auftreten, „…das in Materialität und Format jeden Anflug von Monumentalität, […] vom Gewicht und vom Ballast der Geschichte schon von vornherein unterläuft, zum guten Ton der Nachkriegswirklichkeit“ gehört. Darüber hinaus lag der Kunst Haeses nach Ansicht von Spieler eine Idee von Ingenieurskunst zugrunde, was ebenfalls dem Geist der Nachkriegsjahre in Deutschland entsprochen habe.

Auffällig wie der Künstler sei schließlich auch die Art, in der die Kunstwerke Haeses miteinander zu kommunizieren schienen. Reinhard Spieler erblickt in den erschaffenen Formen Haeses Radarschüsseln und Sendeanlagen, die dafür geschaffen zu sein scheinen, Signale zu empfangen oder auszusenden. Die Drahtobjekte seien geeignet, die „…deutsche Gesellschaft nach der Isolation im Nationalsozialismus wieder mit der Welt zu verbinden.“ Zugleich seien die Kunstwerke Haeses auffällig zukunftsgewandt und hätten nach Ansicht des Direktors des Sprengel Museums Hannover auf ihre Weise die technische Ära eingeläutet.

Der Künstler selbst ließ seine Kunstwerke lieber für sich wirken und unternahm weder eigene Erklärungsversuche, noch kommentierte er die mannigfaltigen Deutungsversuche der Kunstwelt: „Wer sein Leben als Individualist leben will, als einer, der tun und lassen kann, was er will, muss auch die Konsequenzen tragen. Ich bin ein Grenzfall. Man kann mich nicht einordnen. Meine Arbeiten kreieren keine Richtung, obwohl sie ein Spezialfall sind. […] Die Konstruktionen meiner Arbeit sind einfach. Ich mache nicht gern Sachen zweimal. Ich möchte immer Neues machen.“

Seine schöpferische Individualität drückte sich in dem kontinuierlichen Weiterdenken und Weiterbauen des zuvor Erreichten aus. Gleichwohl waren auch dem Wirken Prof. Günter Haeses Grenzen gesetzt. So bestimmte die Tür seines Ateliers das Maß seiner Arbeiten. Die vom Künstler eigenhändig maßgeschneiderten Holzkisten, die zu den individuell angepassten Wohnstätten der Kunstwerke wurden, mussten durch die Atelierstür hindurchpassen, um den Ort ihrer Erschaffung verlassen zu können. Dessen ungeachtet bevorzugte Haese die kleineren Werke auch deshalb, weil er hier die Maßverhältnisse besser im Griff behielt. Erst im Alter von über 80 Jahren wagte er sich an seine erste Großplastik heran, die er 2007 für die Skulpturensammlung Viersen verwirklichte.  Durch konstruktive Verbesserungen bei der Umsetzung seiner letzten Großplastik im Jahre 2010 entstand durch den Einsatz seines Sohnes die Plastik "Phönix II", die heute seit über 10 Jahren vor dem Geschäftsgebäude der Wohnungsgenossenschaft Gartenheim eG steht.

Noch im Alter von 90 Jahren arbeitete der stets in sich ruhende Künstler, der sich selbst augenzwinkernd als „Drahtbieger“ bezeichnete, an seinen Raumplastiken. Gegen Ende seines Lebens bekam die Zeit einen anderen Stellenwert: „Man hat nicht unendlich viel Zeit“, sagte Prof. Günter Haese 2014 im Rahmen der Filmdokumentation „Günter Haese. Ein Grenzgänger zwischen Leicht bewegt und Stillstand“ von Werner Raeune. Für ihn war Zeit ein kostbares Gut, das der Künstler benötigte, um seine mühevoll zusammengesetzten, filigranen Gebilde zu erschaffen. Der bekannte Bildhauer verstarb zwei Jahre nach dem Filmportrait im Alter von 92. Er hinterließ ein bedeutendes Lebenswerk, das von seinem Sohn, Dr. Günter Haese, und seinem Enkelsohn, Magnus Haese, sorgsam verwaltet wird.

Unter Kunsthistorikern gilt Prof. Günter Haese als eine der überzeugendsten Künstlerpersönlichkeiten innerhalb der deutschen Kunst. „Seine intime Kunst gab der Stille eine Stimme“, sagte Prof. Werner Schmalenbach, angesehener Kunsthistoriker und ehemaliger Leiter der Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und langjähriger Weggefährte Haeses.

Noch heute genügt ein Atemhauch, um die feinen Sensoren der Drahtobjekte in Bewegung zu setzen. Die Raumplastiken des Künstlers, der ein Leben lang „auffallend anders“ blieb, sind auch knapp 100 Jahre nach der Geburt Günter Haeses weiterhin sende- und empfangsbereit.

Dauerleihgabe „Flirt II“ im Sprengel Museum 2022 - Dr. Günter Haese und Dr. Reinhard Spieler

Ausstellungshinweis:

Im August 2021 begann eine Ausstellungsreihe, die in Kooperation des Skulpturenmuseums Glaskasten Marl, des Museums Lothar Fischer in Neumarkt, des Ernst Barlach Hauses in Hamburg und der Galerie Thomas in München konzipiert wurde. Die Ausstellung „Schwerelos“ zeigt 25 Werke aus dem Nachlass Günter Haeses, ergänzt um Arbeiten aus Privatbesitz. Vom 27. März 2022 bis zum 12. Juni 2022 sind die Raumplastiken aus Draht im Museum Lothar Fischer in Neumarkt zu sehen.

Für das Jahr 2024, in dem Prof. Günter Haese seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, ist eine Einzelausstellung im Sprengel Museum Hannover geplant.

Die folgenden Bilder zeigen einen Blick in die Ausstellung im Museum Lothar Fischer, Neumarkt i.d.OPf. (27. März bis 12. Juni 2022)

Fotos: Andreas Pauly © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Artikel aus der Rheinischen Post von 2006

Der Filmemacher Werner Raeune besuchte Günter Haese kurz vor seinem Tod. Es entstand ein 1/2-stündiger Dokumentarfilm in seinem Atelier, der einen seltenen Einblick in das Innenleben des Ausnahme-Künstlers bietet.

Günter Haese  Künstlerdokumentation